Das Vogelschießen

Das Vogelschießen

Vogelschießen: Der Vogel der Bürgergilde zu Neumünster seit 1578
Der Vogel vor dem ersten Schuss

Das Vogel­schießen findet alle zwei Jahre am Mitt­woch nach Pfings­ten, jeweils in den ungeraden Jahren, auf der Vogelwiese im Tierpark Neumünster statt. In den geraden Jahren hat die Schwester­gilde ihren Schießtag.
Es ist der Höhepunkt der Gildewochen, wenn die Gildebrüder in Gildeuniform – angeführt von der amtierenden Majestät – zur Vogelwiese marschieren, auf den Vogel schießen und dann am Ende des Tages ein neuer Gildekönig „erschossen“ ist.

Der Schießtag beginnt morgens mit einer Betstunde in der Vicelinkirche, unserer Gildekirche, so wie es Herzog Carl-Friedrich im Jahre 1736 angeordnet hat. Zuvor treten die Gildebrüder in Gildeuniform bei der Gilde-Eiche auf dem Kleinflecken an und marschieren in die Kirche, wo sie vom Propst empfangen werden. An der Betstunde nehmen auch viele Gilde­schwestern und Gäste teil. Der Propst gibt den Gildebrüdern ermunternde, aber auch ernste und tiefe Gedanken für den Tag mit auf den Weg. Auf dem Marsch zum Tierpark haben die Gildebrüder dann Zeit, über die Worte des Propsten nachzudenken. Die Gilde marschiert nach den Klängen einer Marschkapelle durch die Stadt zum Schießplatz im Tierpark, durch das Spalier der Gilde­schwestern und vorbei an vielen Neumünsteraner Bürgern.

Vogelschießen der Bürgergilde zu Neumünster seit 1578; Frühstück
Die Gildebrüder setzen sich zum kräftigen Frühstück

Nach einem kräftigen Früh­stück im Tier­park­bis­tro­rant und dem ersten Schluck Gilde­bier beginnt das Schießen auf den Vogel. Geschossen wird nach der vom Schieß­offizier verle­senen Schieß­liste. Nach alter Tradi­tion gibt der Capitain den ersten Schuss des Tages für den Bundespräsidenten ab. Hier muss die Zitrone abgeschossen werden. Dieses gelang sogar zweimal. Im Jahre 1965 schoss der damalige Capitain Heinrich Rowedder mit dem ersten Schuss, für den damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, die Zitrone ab. Im Jahre 2009 gelang es Capitain Dr. Ulf-Christian Mahlo erneut mit dem ersten Schuss die Zitrone abzuschießen. So ging der Preis – ein silberner Teelöffel – an den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler, der sich mit einem persönlichen Brief – wie sein Amtsvorgänger 44 Jahre zuvor – herzlich bei dem Capitain dafür bedankte.

Dann geht es richtig los:

Vogelrumpf nach dem Vogelschießen der Bürgergilde zu Neumünster seit 1578
Der vom König abgeschossene Rumpf des Vogels

Alle Extre­mitäten des Vogels müssen – nach der Zitrone – in der vorge­schrie­benen Reihen­folge der Schieß­liste ent­sprechend abge­schossen werden: Krone – rechte Fahne – linke Fahne – rechte Klaue – linke Klaue – Kopf – rechter Flügel – linker Flügel – Schwanz. Die Gilde­brüder müssen nicht selbst schießen. Es kann sich ein Gilde­bruder durchaus von einem anderen Gildebruder vertreten lassen. Der Tag ist lang. Jeder Gildebruder versucht seine Treff­sicherheit auf seine Weise zu verbessern. Jede abgeschossene und herunter­fallende Extremität wird von lautem Jubel und Applaus begleitet. Die Stimmung steigt von Stunde zu Stunde. Zum Schluss ist nur noch der Rumpf des Vogels übrig.

Dann geht es endlich um den Königsschuss. Zu diesem Zeitpunkt kann jeder Gildebruder noch einmal in sich gehen, ob er beim Schießen um die Königswürde dabei sein möchte oder aber, ob er sich von der Schießliste streichen lassen möchte. Die jüngeren Gildebrüder trauen sich oft nicht so richtig. Sie warten noch ab und überlassen das Feld gern den Älteren. So nehmen, wenn es um den Königsschuss geht, nur noch diejenigen teil, die wirklich Gildekönig werden wollen. Denn das ist die Krönung eines Gildelebens.

Wenn es um den Königsschuss geht, gilt:

  • Es dürfen nur die Gildebrüder teilnehmen, die bisher noch nicht König waren.
  • Jeder Gildebruder schießt für sich selbst. Er darf sich nicht vertreten lassen.
  • Derjenige Gildebruder, der den letzten Teil des Rumpfes abschießt, ist die neue Majestät.

Zu dieser Zeit finden sich die Ehrengäste ein, voller Erwartung des neuen Gildekönigs. Der Capitain begrüßt sie im Königszelt, spricht über Gildetradition und deren Bedeutung für unsere Stadt. Er gibt einen Rückblick auf die Regentschaft der scheidenden Majestät, dessen „letzte Stunde“ gekommen ist und gibt einen Ausblick auf das, was wohl kommen mag.

Majestät Eric I. von Düsterlho
Majestät Prof. Dr. Eric I. von Düsterlho getragen von Dr. Dirk Marquardt (links) und Dr. Ortwin Babendererde

Das Raunen vom Schieß­zelt kündigt den nahenden Königs­schuss an. Dann plötzlich ist es soweit. Ein Jubeln, ein Hurra, und tosender Applaus – der Vogel ist gefallen. Der wird auf den Schultern von zwei Gildebrüdern ins Königszelt getragen. Die Freude aller Gildebrüder und Gäste ist groß, nur der neue König ist blass. Die ersten Minuten jedenfalls, dann fängt er sich aber schnell. Die Freude ist zu groß. Nach alter Tradition nehmen die Gildevorsteher dem alten König die Königskette ab und schmücken mit ihr die neue Majestät. Jetzt darf der neue König ein zweites Mal – nach seiner Aufnahme in die Gilde – aus dem goldenem Becher Herzog Carl-Friedrichs trinken und hält seine erste Ansprache als neuer Gildekönig an seine Untertanen. Danach erhält der neue König aus den Händen der Stadtpräsidentin die im Jahre 1726 von der „herzoglichen Rentkammer zu Kiel verfügten jährlichen Apanage von 16 Talern“ – das entspricht heutzutage umgerechnet 25 Euro, geradezu als Auf­wands­entschä­digung für seine Amtszeit.

Nach der offiziellen Amtsein­führung marschieren die Gildebrüder zu Ehren der neuen Majestät an ihr vorbei. Anschließend findet im Bistrorant der Königskommers statt – die Königsfeier nach dem Motto der Gilde: Einigkeit, Frohsinn und Gemütlichkeit. Es wird gegessen und getrunken, es wird getanzt und gelacht. Es werden die Schießpreise verteilt und es wird sich gefreut auf die zwei kommenden Jahre mit der neuen Majestät.

Titelbild: Impressionen vom Vogelschießen am 7. Juni 2017